Vorwort: Den Bogen nicht überspannen

In jedem Unglück steckt ein Quentchen Glück, heißt es. So haben die Sanktionen Russland zur Erkenntnis verholfen, dass das Land nicht vom Öl allein leben sollte. Russland hat sich seiner unausgeschöpften Potenziale in der Landwirtschaft, in der verarbeitenden Industrie, im Maschinenbau und in anderen Sphären besonnen. Das Bestreben, seine Wirtschaft auf kräftige und stabile Beine zu stellen, sie gegen äußere Einflüsse abzuschirmen, ist zu begrüßen. Es besteht jedoch die Gefahr, im Wunsch, alles möge „russisch“ werden, den Bogen zu überspannen.

Es ist gut, wenn Russland ein gesundes Selbstbewusstsein hat und Sanktionen ihm keinen nennenswerten Schaden zufügen können. Aber ist das Produkt „made in Russia“ wirklich ein Allheilmittel gegen alles Übel?

Werden die Landwirte effektiver wirtschaften, wenn sie ausschließlich russische Technik einsetzen? Wie werden die Betriebe der verarbeitenden Industrie reagieren, wenn sie nicht mehr die Möglichkeit haben, teilweise auf importierte Rohstoffe zurückzugreifen? Wie werden Schweine- und Geflügelfarmen kurzfristig ohne importierte Genetik auskommen?

Wir werden sicher nichts gewinnen, wenn wir uns gegen jeden Import verschließen und uns zwingen, ausschließlich heimische Produkte zu verwenden. Wir sind heute gefordert, wirksame Produktionsketten aufzubauen, in denen jedes Glied darauf hinarbeitet, maximale Ergebnisse zu erreichen. Dafür brauchen wir ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem, was wir selbst herstellen, und den hochwertigsten Erzeugnissen der internationalen Wirtschaft.

Natürlich sollten wir eigenes Saatgut für die wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturen, unser genetisches Material der grundlegenden Tierrassen, ein Minimum an Landtechnik, unser Getreide und unsere Milch haben. Aber das ist nicht innerhalb eines Tages, nicht einmal innerhalb eines Jahres zu bekommen. Wir brauchen wir Zeit und geduldige Arbeit, um die Wirtschaft anzukurbeln und zu lernen, konkurrenzfähige Produkte zu erzeugen. Dann wird Russland sich nicht verletzlich fühlen und einen würdigen Platz in der Weltwirtschaft einnehmen.

Von Stefan Dürr

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