Vorwort von Stefan Dürr

Im Dezember vergangenen Jahres unterzeichnete der Präsident der Russischen Föderation Wladimir Putin einen Erlass, mit dem mir die russische Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde. Ich möchte nicht verhehlen, dass das für mich ein bewegendes und sehr wichtiges Ereignis war. Vor 25 Jahren kam ich nach Russland und schloss dieses Land in mein Herz. Hier sind meine Arbeit, meine Familie, meine Kollegen.

Zugleich empfinde ich als russischer Staatsbürger und Landwirt Verantwortung für das, was in unserem agrarindustriellen Sektor geschieht.

Heute beklagen viele die Krise, die sich unter anderem in der Landwirtschaft bemerkbar macht. Sie erscheint dabei als etwas von außen auf uns Hereinbrechendes. Und wir stehen vermeintlich daneben und sind vollkommen unschuldig. Tatsächlich aber liegen die Dinge anders: Wir sind es, die diese Situation geschaffen haben, und die Krise ist keine Strafe von oben, sondern unser eigener innerer Zustand.

Dank staatlicher Förderungen lebte es sich hier fast wie in einem Treibhaus. Die Banken bewilligten großzügige Kredite zu sehr günstigen Bedingungen, wenngleich die Zinsen stattlich waren. Die Subventionen deckten die Zinslast aber ab. Unter diesen Voraussetzungen entwickelten wir das Agribusiness und machten es weltmarktfähig. Mittlerweile hat sich die Situation geändert. Russland ist der WTO beigetreten, die Ukraine-Krise hält an, die finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt.

Es stellt sich die altbekannte Frage: Was tun? Die Antwort lautet: Wir Landwirte müssen effektiver arbeiten. Das betrifft EkoNiva wie auch unsere Kollegen. Es gilt jetzt, altbewährte Strategien zu überdenken und vielleicht sogar zu verwerfen. Wir müssen weitergehen, uns neues Wissen aneignen, das Know-How in die Praxis umsetzen, und das nicht nur auf dem Feld, sondern auch im Management.

Natürlich kann man über die misslichen Bedingungen klagen und auf die europäische Erfahrung zeigen. Obwohl es heutzutage nur noch ein Gerücht ist, dass die Bauern es „dort“ besser hätten als bei uns. In Deutschland zum Beispiel sind die Bodenpreise gewaltig, trotz der Subventionen. Ein Bauer zahlt einen Pachtzins von 500, ja manchmal sogar 1000 Euro pro Hektar. Hinzu kommen hohe Ausgaben für die Löhne und strenge ökologische Auflagen und sonstige Normen. Die Zahl der Betriebe ist infolge dessen in den Jahren 2010-2013 um 5% gesunken. In Russland dagegen ist der Boden nicht so teuer, die Lohnkosten bewegen sich in einem vernünftigen Rahmen, die behördlichen Auflagen sind überschaubar.

Heute ist der Agrarsektor in seiner wichtigen Bedeutung allgemein anerkannt, als Bollwerk der Ernährungssicherheit des Landes. Die Einkaufspreise, insbesondere bei verarbeiteten Produkten wie der Milch, sind höher als auf dem Weltmarkt. Es bestehen gute Voraussetzungen, zu arbeiten und Gewinne zu erwirtschaften. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite haben die Banken im letzten halben Jahr den Umfang der Kredite für den Landwirtschaftssektor empfindlich gekürzt. Wenn wir wiederum Investitionen in die landwirtschaftliche Produktion anlocken wollen, sind wir auf staatliche Unterstützung angewiesen.

An diesen beiden Seiten müssen wir ansetzen! Wir, liebe Kollegen und Landwirte, müssen lernen, effizient zu arbeiten. Unser Staat, das Landwirtschaftsministerium, wird ebenfalls umdenken müssen. Es gilt, interessante, wirtschaftlich effiziente Projekte herauszufiltern, sie sorgfältig zu analysieren und unbedingt wieder zu einer angemessenen Zinssubventionierung zurückzukehren. Wir Landwirte allein können ohne Unterstützung durch den Staat nichts ausrichten.

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